Dietrich Hummel

Erste Flugveranstaltungen in Braunschweig

Ergebnisse einer Recherche des Arbeitskreises Braunschweiger Luftfahrtgeschichte

Erster bemannter Ballonaufstieg
in Braunschweig durch Blanchard
10. August 1788 vom
August-Bollwerk

Wilhelmine Reichard -
erste Ballonfahrerin Deutschlands.
7. Aufstieg am 9. August 1818
von Braunschweig aus

Nach den ersten Fahrten des Physikers Pilatre de Rozier mit dem Marquis d'Arlandes in einem Heißluftballon (Mongolfière) am 21. November 1783 und des Physikers Charles mit seinem Mitarbeiter Robert in einem Gasballon (Charlière) am 1. Dezember 1783 in Paris beauftragte der Braunschweigische Herzog Karl Wilhelm Ferdinand den Naturforscher und Geografen seines Collegium Carolinum Professor Zimmermann und den Inhaber der Hagenmarkt-Apotheke Heyer mit Bau und Betrieb eines Versuchsballons. Dies war die erste staatliche Förderung der Luftfahrt an einer deutschen Hochschule überhaupt. In kurzer Zeit entstand eine mit Wasserstoff gefüllte Charlière, die vor dem herzoglichen Schloss aufgelassen wurde. Der unbemannte Ballon "Ad Astra" legte am 28. Januar 1784 nach Süden eine Strecke von 5 km bis nach Eisenbüttel und am 8. Februar 1784 nach Nordosten sogar eine Strecke von 72 km bis nach Salzwedel zurück. Am 10. August 1788 unternahm dann François Blanchard den ersten bemannten Ballonaufstieg in Braunschweig vom Augustbollwerk beim Wendentor aus, der nach Nordwesten bis nach Lamme führte. Die aus Braunschweig gebürtige Wilhelmine Reichard war die erste Ballonfahrerin Deutschlands, die insgesamt 17 Ballonaufstiege durchführte. Ihre 7. Fahrt fand am 9. August 1818 von Braunschweig aus statt.

Erste Fahrt eines Luftschiffs in Braunschweig am
6. November 1910 vom Großen Exerzierplatz aus:
Luftschiff "Parseval 5" führte 5 Fahrten durch

Am Beginn des vorigen Jahrhunderts entwickelte man in Deutschland vorwiegend Geräte nach dem Prinzip "leichter als Luft". Erfolgreiche Luftschiffe wurden von August von Parseval und von Graf Ferdinand von Zeppelin gebaut. Braunschweig hatte zu dieser Zeit keinen Flugplatz, und nur das Gelände des Großen Exerzierplatzes an der Salzdahlumer Straße, dort wo sich heute das Städtische Klinikum und der Golfplatz befinden, war für Flugveranstaltungen geeignet. Am 13. März 1908 übernahm der Braunschweigische Herzogsregent Johann Albrecht das Ehrenpräsidium des Niedersächsischen Vereins für Luftschifffahrt in Göttingen, und gleichzeitig schlossen sich eine erhebliche Zahl von Braunschweigern zu einer Ortsgruppe Braunschweig dieses Vereins zusammen. Es wurden Fahrten mit dem Göttinger Ballon "Segler" vom Grundstück des Braunschweiger Gaswerks an der Taubenstraße aus durchgeführt, und bereits am 30. April 1909 konnte ein eigener Ballon auf den Namen "Braunschweig" (I) getauft werden. Er absolvierte bis 1913 insgesamt 43 Fahrten. Am 6. Mai 1909 wurde die Loslösung vom Göttinger Verein beschlossen, und am 15. Mai 1909 fand die Gründung des Braunschweigischen Vereins für Luftschifffahrt (BVL) als Zweigverein des Deutschen Luftschiffer-Verbandes (DLV) statt.

Die Braunschweigische Landeszeitung veranstaltete am 6. November 1910 den so genannten Braunschweiger Parseval-Tag. Das lenkbare Luftschiff "Parseval 5" wurde auf dem Großen Exerzierplatz aufgebaut, und es absolvierte von dort aus insgesamt 5 Flüge. Wegen des starken und böigen Westwindes waren jedoch keine Fahrten über die Stadt möglich. Nach dem großen Erfolg der beiden Besuche des DELAG-Luftschiffes "Hansa" am 29. August und am 13. Oktober 1912 in Braunschweig war der BVL die treibende Kraft für die Errichtung eines Lufthafens Braunschweig im Ärkeröder Feld, dem heutigen Siegfriedviertel, die jedoch nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges nicht verwirklicht werden konnte.

Erster Flug eines Motorflugzeugs
in Braunschweig am 3. September 1910
vom Großen Exerzierplatz aus:
Wright-Flyer A, Dauer 3 Minuten, Höhe 30 m

Vorreiter beim Fliegen nach dem Prinzip "schwerer als Luft" war der Deutsche Otto Lilienthal. Aufbauend auf seinen Erkenntnissen gelangen den Gebrüdern Orville und Wilbur Wright am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk die ersten Flüge mit einem Motorflugzeug, und schon am 5. Oktober 1905 erflogen sie in den USA mit einer Weiterentwicklung Ihres Flugapparates eine Flugdauer von 38 Minuten und eine Flugstrecke von 39 km. In Europa war zu dieser Zeit Frankreich in der Luftfahrt führend, aber die Flugleistungen waren noch sehr gering. Henry Farman flog am 13. Januar 1908 in Issy-les-Moulineaux den ersten Vollkreis über eine Strecke von 1 km, und er erzielte dabei eine Flugdauer von 1 Min. und 28 Sek. Der erste Flug in Deutschland fand am 28. Juni 1908 statt: Der Däne J. C. Ellehammer vollführte in Kiel einen Sprung von 11 Sek. Dauer. Die Gebrüder Wright kamen ab 1908 nach Europa, um Ihr Patent und ihre Flugzeuge hauptsächlich für militärische Anwendungen zu verkaufen. Wilbur flog 1908 in Frankreich über 90 Minuten lang und über 50 km weit. Orville erzielte in Berlin am 17. September 1909 einen Höhen-Weltrekord von 172 m. Am 30. Oktober 1909 gewann Hans Grade in Berlin den Lanz-Preis für seinen Flug einer liegenden Acht in geringer Höhe um zwei Wendemarken im Abstand von 1 km.

Pilot des ersten Fluges
in Braunschweig:
Theodor Schauenburg
1885-1917

Da das deutsche Militär nur in Deutschland hergestellte Geräte kaufte, gründeten die Gebrüder Wright in Berlin die Firma Flugmaschine Wright GmbH und verkauften ab Herbst 1909 ihren Flyer als deutsches Fabrikat einschließlich der zugehörigen Schulung des Piloten. Zu diesen Kunden zählte auch der Student und Sportsmann Theodor Schauenburg, der in der Werksflugschule ausgebildet wurde und am 22. Juni 1910 in Berlin Johannisthal das Flugzeugführerpatent Nr. 11 des Deutschen Luftschiffer Verbandes (DLV) erwarb. Schauenburg kam mit seinem Wright Flyer A nach Braunschweig und führte dort vom Großen Exerzierplatz an der Salzdahlumer Straße aus am 3. September 1910 den ersten Motorflug mit einer Dauer von 3 Minuten und einer Flughöhe von 30 m durch, und in den Tagen danach steigerte er seine Flugleistungen auf 15 Minuten Dauer und 125 m Höhe.

Ankündigung der Vorführung von Motorflügen in der
Braunschweigischen Landeszeitung vom 4. September 1910

Aus dieser Beschreibung ergibt sich, dass sowohl der erste Motorflug als auch die erste Fahrt eines Luftschiffes in Braunschweig im Jahre 1910 stattgefunden haben. Beide Ereignisse fanden auf dem Großen Exerzierplatz an der Salzdahlumer Straße statt. Damals gab es den Rangierbahnhof, die Bebelhofsiedlung und die Autobahn noch nicht. Der Hauptzugang erfolgte von Jüdel's Fabrik, dem heutigen Siemens-Werk an der Ackerstraße, sowie von der Salzdahlumer Straße aus, und die Kassen befanden sich an der Grenze des Platzes. Die Vorführungen waren in den Tageszeitungen als Schauflüge mit Konzert und Restauration angekündigt, und die Veranstaltungen wurden von der Bevölkerung in großer Zahl besucht.

Erster Flugplatz in Braunschweig: Großer Exerzierplatz. Lage und Zugang bei Flugvorführungen aus dem Anzeigenteil der Braunschweigischen Landeszeitung vom 6. November 1910

Die hier gemachten Angaben entsprechen dem derzeitigen Kenntnisstand des Arbeitskreises Braunschweiger Luftfahrtgeschichte (ABL). Die Braunschweiger Zeitung hat am 1. August 2007 früher veröffentlichte unrichtige Angaben zur Braunschweiger Luftfahrtgeschichte korrigiert.

Da aber noch weitere Veröffentlichungen mit falschen Daten existieren, werden Ergänzungen mit Quellenangabe an den Verfasser unter Telefon 0531/391-2972 oder per E-Mail an d.hummel@tu-bs.de erbeten.

Alle Abbildungen: Archiv Dietrich Hummel